Was ist das?
Open Science – Offene Wissenschaft – umfasst den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen (Open Access) und wissenschaftlichen Infrastrukturen/Daten/Software/Methoden, zu offenen Bildungsressourcen (Open Educational Resources), aber auch zu offener Begutachtung (Open Evaluation) oder Bürgerwissenschaft (Citizen Science). Offene Wissenschaft ermöglicht die Beschleunigung der wissenschaftlichen Forschung (siehe die internationale Reaktion auf die COVID-19-Krise), indem sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft, den sozioökonomischen und soziokulturellen Akteuren und den Bürgern mehr Einbeziehung und Zugänglichkeit gewährleistet.
Wie läuft das?
Jede Maßnahme, die darauf abzielt, den Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen auf allen Ebenen zu optimieren – dazu zählen unter anderem die Generierung von Daten, Verfahren und Methoden sowie deren Verfügbarmachung für die Öffentlichkeit, das Einsehen, Verarbeiten, Zugänglichmachen von Zwischen- und Endergebnissen (einschließlich der Publikation), die Einbindung der Öffentlichkeit in die Datengewinnung (Citizen Science) sowie die Ausweitung der Kommunikation auf ein möglichst breites Publikum, etwa durch offene Kurse und Konferenzen – kann als Bestandteil von Open Science betrachtet werden. Jede dieser Komponenten erfordert komplexe Anstrengungen und Ressourcen (unter anderem geeignete Infrastrukturen).
Die öffentliche Zugänglichmachung von primären Forschungsdaten setzt spezielle Plattformen voraus. Dabei kann auf externe Repositorien (Datenbanken) zurückgegriffen werden, aber einige Institutionen entwickeln auch eigene Lösungen. Zwei zentrale Herausforderungen bestehen: (1) Die Repositorien müssen dem Test der Zeit standhalten, insbesondere unabhängig von administrativen und finanziellen Zyklen funktionieren; (2) Die Daten sollten in einem leicht zugänglichen Format zur Verfügung stehen. Zur Lösung letzterer Herausforderung wurde das FAIR-Prinzip entwickelt – die Daten sollen „findable, accessible, interoperable, reusable“ sein, also auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar. Das bedeutet konkret, dass die Daten leicht gefunden werden können, der Zugriff einfach ist, das Format standardisiert und kompatibel ist, und die Nutzung durch Dritte möglichst ohne Einschränkungen durch Urheber- oder Eigentumsrechte erfolgt. Eine spezielle Unterkategorie bilden Datenbanken und Software zur Verwaltung von Literaturangaben, die insbesondere auf neue Modelle des Datenaustauschs angepasst sind.
Die Veröffentlichung von Software-Paketen ist seit Langem etablierte Praxis.
Auch die Open-Access-Publikation von Forschungsergebnissen ist seit längerer Zeit bekannt – auch wenn sie bei Weitem nicht durchgängig erfolgt. Beispielsweise fördert die BBU seit Langem das sogenannte Diamond Open Access-Modell in ihren Zeitschriften, bei dem weder der Zugang zu Artikeln noch die Publikation für Autoren Kosten verursacht. Im Gegensatz dazu beinhalten viele andere Open-Access-Modelle Gebühren für Autoren oder eingeschränkten freien Zugang (entweder für bestimmte Zeiträume oder mit Einschränkungen bei geistigen Eigentumsrechten). Die Praxis, Autoren oder Leser zu kassieren, ist gerade dort umstritten, wo die Qualität der Publikationen an der Grenze zur Pseudowissenschaft steht oder der Vorwurf erhoben wird, dass finanzielle Argumente gegenüber wissenschaftlichen Kriterien dominieren. In jüngster Zeit wird zudem ein alternatives Publikationsmodell diskutiert, das sich am Blog orientiert: Ergebnisse und deren Interpretationen werden laufend veröffentlicht, ohne dass sie in einzelne Zeitschriftenartikel überführt werden. Unabhängig davon, ob dieses Modell flächendeckend angenommen wird, bleibt der zentrale Gedanke von Open Science, dass der gesamte wissenschaftliche Forschungsprozess möglichst transparent ist – von der Datenerhebung über die Verarbeitung und Interpretation bis hin zur Publikation.
Das Konzept der offenen Evaluation (open peer review) ist herausfordernd, da dabei sowohl die Kommentare der Gutachter als auch deren Identität öffentlich einsehbar sind. Während in manchen Disziplinen oder Publikationsmodellen die Anonymität im Review-Prozess entscheidende Vorteile bietet, gibt es Kontexte, in denen offene Evaluation dazu beitragen kann, ethisch fragwürdige Praktiken zu vermeiden und Gutachter stärker zur Verantwortung zu ziehen. Zudem ermöglicht dieses Verfahren eine gerechtere Anerkennung der Gutachterarbeit.
Das Konzept der Bürgerwissenschaft (Citizen Science) ist bereits in jenen Bereichen etabliert, in denen große Datenmengen aus verschiedenen Orten oder Kontexten gesammelt werden müssen oder verteilte Rechenressourcen genutzt werden. In manchen Gebieten – etwa bei öffentlichen Politiken – kann die Bürgerbeteiligung über das Sammeln von Daten hinausgehen und auch Entscheidungen darüber einschließen, was und wie mit diesen Daten geschieht – inklusive der daraus abgeleiteten politischen Maßnahmen.
Offene Bildungsressourcen (wie Schulungen, Kurse oder ganze akademische Programme) sind, insbesondere durch immer komplexere Online-Angebote, bereits fest etablierte Praxis.
Wozu ist das gut?
Die Befürworter von Open Science (zu denen auch verschiedene EU-Institutionen zählen – einschließlich derjenigen, die wissenschaftliche Forschung finanzieren) argumentieren, dass eine möglichst schnelle und effiziente Bereitstellung der Forschungsergebnisse für die akademische Gemeinschaft, aber auch für die Industrie und die breite Öffentlichkeit vielfältige Vorteile mit sich bringt. Beispielsweise macht das die Wissenschaft:
– verlässlicher, leistungsfähiger und effizienter, da Daten und ihre Interpretationen schneller und zuverlässiger überprüft werden können;
– effizienter, indem redundant betriebene Forschungsanstrengungen vermieden oder die Zusammenarbeit für ein breiteres Spektrum an Forscherinnen und Forschern zugänglich gemacht werden;
– reaktionsschneller auf die gesellschaftlichen Anforderungen der Bürgerinnen und Bürger, da Wissenschaft transparenter und offener wird;
– rascher vom Labor zur gesellschaftlichen Anwendung vermittelbar (über Industrie und Wirtschaft) – besonders im Bereich der angewandten Forschung;
– glaubwürdiger, weil die Integrität der Forschung in einem offenen und transparenten Umfeld besser erkennbar ist;
– repräsentativer/inklusiver;
– globaler, indem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits vor der Publikation Wissen und Daten austauschen können, der wissenschaftliche Fortschritt dadurch beschleunigt wird und Innovationen schneller verfügbar werden.
Das am häufigsten genannte Beispiel ist die Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf die COVID-19-Krise. Hier hat die breite Bereitstellung von Daten und Publikationen für die gesamte Gemeinschaft – ja sogar für die breite Öffentlichkeit – dazu beigetragen, gesellschaftliche Maßnahmen auf eine solidere wissenschaftliche Grundlage zu stellen und schnell Lösungen wie Behandlungsprotokolle, Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln.
Wo ist Open Science nicht anwendbar?
Natürlich gibt es Bereiche, in denen Open Science nicht angewendet werden kann. Ein typisches Beispiel sind Forschungsfelder, die aus Gründen der Sicherheit oder zur Terrorismusprävention geheim gehalten werden müssen. Darüber hinaus kann es Situationen geben, in denen die Relevanz von Open Science überschätzt wird, wodurch negative Auswirkungen auf die Qualität der Wissenschaft und auf bestehende Wertmaßstäbe entstehen können. Häufig wird auf das Risiko hingewiesen, dass die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen zu einer Art Popularitätswettbewerb wird, bei dem „Fans“ und öffentliche Aufmerksamkeit eine größere Rolle spielen als die wissenschaftliche Substanz der Beiträge selbst. An der BBU beschäftigen wir uns ständig mit diesen Fragen – die auch im Rahmen von und mit Unterstützung der Organisationen, denen die BBU angehört (wie The Guild oder EUTOPIA), diskutiert und thematisiert werden.
